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„Ich möchte erfahren, wie diese Gesellschaft denkt“

Interview mit Ismaeil Alhasan

 

Lisa Sauer | 29.05.2020

 

Ismaeil Alhasan ist 48 Jahre alt und kam 2016 nach Deutschland. Seitdem lebt er in Mainz. Über die Ökumenische Flüchtlingshilfe Oberstadt (ÖFO e.V.) ist er auf die entwicklungspolitische Arbeit im Weltladen aufmerksam geworden. Nun absolviert er seit Oktober 2019 ein Praktikum im Trägerverein des Weltladens Mainz (Unterwegs für eine gerechte Welt e.V.) und unterstützt die Projektstelle Flucht, Migration und Fairer Handel. Ich habe Ismaeil einige Fragen zu seiner persönlichen Situation gestellt: 

 

Lisa Sauer (Projektreferentin für Flucht Migration und Fairem Handel): Was hast du in Syrien gemacht bevor du nach Deutschland gekommen bist?
Ismaeil Alhasan: Ich habe in Syrien Jura studiert. Als Jurist habe ich sechzehn Jahre in verschiedenen syrischen Städten gearbeitet. In dieser Zeit habe ich mich bei zwei Organisationen engagiert. Die eine im Bereich psychologischer und juristischer Unterstützung von Frauen, die von Gewalt betroffen sind. Die zweite arbeitet im Bereich Drogenbekämpfung. Als die Proteste in Syrien angefangen haben, habe ich auch teilgenommen, wie viele andere Menschen.

 

Lisa Sauer: Warum musstest du Syrien verlassen? 
Ismaeil Alhasan: Das Regime in Syrien betrachtete jeden, der an Demonstrationen teilgenommen hat, als Feind. Auf Grund meiner Arbeit als Rechtanwalt habe ich viele Probleme mit dem Regime und anderen Gruppen bekommen. Auf der Suche nach Sicherheit und aus Angst um mein Leben, habe ich mich entschlossen, meine Heimat zu verlassen

 

Lisa Sauer: Wie bist du nach Deutschland gekommen? 
Ismaeil Alhasan: Ich bin illegal und mithilfe einer Gruppe von Schleusern nach Deutschland gekommen. Das erste Stück habe ich zu Fuß zurückgelegt. Dann überquerte ich das Mittelmeer mit einem Schlauchboot.

 

Lisa Sauer: Wie ist deine aktuelle Situation in Mainz? 
Ismaeil Alhasan: Ich wohne in einer kleinen Wohnung und arbeite aktuell als Pizzafahrer, weil ich keine andere Möglichkeit habe. Diese Arbeit gefällt mir nicht und manchmal macht es mich traurig, nach meiner guten Ausbildung keine gute Arbeit machen zu können. Parallel besuche ich einen Deutschkurs an der Volkshochschule und mache das Praktikum im Weltladen Mainz. 

 

Lisa Sauer: Würdest du gerne nach Syrien zurückkehren? 
Ismaeil Alhasan: Natürlich möchte ich nach Syrien zurückkehren. Dort ist meine große Familie, Freunde, Bekannte, Verwandte, meine Arbeit, Erinnerungen. Aber aktuell gibt keine Möglichkeit. Es gibt dort keine Sicherheit, keine Lebensmittel, keine Gesundheitsversorgung. Der Krieg geht weiter, deshalb kann ich nicht zurück.

 

Lisa Sauer: Was gefällt dir gut an Deutschland? 
Ismaeil Alhasan: Mir gefällt die Natur, wie grün es ist, die vielen Bäume und Gärten. Außerdem gibt es eine sehr gute Infrastruktur: Transport und Verkehr sind sehr komfortabel in Deutschland. Besonders finde ich auch die Arbeit der Nichtregierungsorganisationen, die in verschiedenen Bereichen tätig sind. In Syrien haben wir fast keine, bzw. ist die Arbeit viel schwieriger. Und auch die Ehrenamtskultur gefällt mir sehr. Wenn man Zeit hat, hilft man hier anderen.   

 

Lisa Sauer: Gibt es auch was, dass dir weniger gut an Deutschland gefällt? 
Ismaeil Alhasan: Die deutsche Bürokratie. Für alles braucht es einen Termin (z.B. Arzt, Behördengänge etc.). Außerdem gibt es keine guten Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen, die in einem anderen Land eine Hochschulausbildung gemacht haben. Das ist gerade für meine persönliche Situation schwierig. 

 

Lisa Sauer: Was wünscht du dir für deine Zukunft? 
Ismaeil Alhasan: Ich wünsche mir, dass sich meine aktuelle Lebenssituation verbessert. Ich möchte gut Deutsch sprechen lernen, um zu erfahren wie diese Gesellschaft denkt. Da ist die deutsche Sprache sehr wichtig, die Sprache hilft sehr bei der Integration. Ich würde außerdem gerne eine geeignete Arbeit finden und eine Familie gründen.