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Weltweite Migrationsbewegungen und Klimawandel. Kann der Faire Handel ein Handlungsansatz für den globalen Süden sein?

Lisa Sauer | 24.06.2020

 

Im Mai 2020 fand an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz die Public Climate School statt, zu der ich als Referentin eingeladen war. Auf Grund der Kontaktbeschränkungen durch das Coronavirus wurden alle geplanten Veranstaltungen in den virtuellen Raum verlegt und anschließend der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

 

Einen Auszug aus dem Vortrag "Weltweite Migrationsbewegungen und Klimawandel. Kann der Faire Handel ein Handlungsansatz für den globalen Süden sein?" am Beispiel des Kaffeeanbaus, werde ich hier im Blog mit euch teilen. Bei Interesse hört und seht ihn euch hier in ganzer Länge an.

 

Zu Beginn einige Begriffserklärungen: Unter anthropogenem Klimawandel wird im Allgemeinen die durch den Menschen verursachte Veränderung des Klimas auf der Erde verstanden. Dem zugrunde liegt die Annahme, dass der Ausstoß von Treibhausgasen zu einer Erhöhung der Jahresdurchschnittstemperaturen führt. Die Folgen des Klimawandels sind äußerst vielfältig. Sie umfassen zum einen schleichende Umweltveränderungen wie Dürren und veränderte Niederschlagsmuster, aber auch plötzlich eintretende Ereignisse wie beispielsweise Erdbeben und Überschwemmungen.

 

Heute leben ca. 7.7 Milliarden Menschen auf der Welt und ihre Zahl steigt rasant- allem voran in den Ländern des globalen Südens. Laut UNHCR befinden sich aktuell über 70 Millionen Menschen auf der Flucht. Dabei wird im internationalen Flüchtlingsrecht der Terminus Migration vom Terminus Flucht häufig abgegrenzt. Danach ist ein Flüchtling wer gezwungen ist seinen Wohnort zu verlassen, Migrant hingegen ist, wer es freiwillig tut. In der Praxis zeigt sich, dass insbesondere in Bezug auf den Klimawandel, diese Abgrenzung oft schwierig ist. Denn monokausale Ansätze zur Beschreibung von Migrationsbewegungen greifen in der Regel zu kurz. Vielmehr sind die Ursachen und Motive, warum Menschen migrieren, vielfältig und komplex. Der Klimawandel tritt hier oftmals als ein zusätzlicher Multiplikator von Migration auf. Ein weiteres Problem ist, dass Menschen, die aufgrund von Umweltveränderungen zur Flucht aus ihren Heimatländern gezwungen werden, in der Genfer Flüchtlingskonvention rechtlich nicht erfasst sind bzw. nur einen prekären rechtlichen Status erhalten.

 

Aber wer ernährt die wachsende Weltbevölkerung? Sind es überwiegen global agierende Agrarkonzerne mit riesigen Anbauflächen? Nein! 85 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe weltweit haben eine Fläche von weniger als zwei Hektar. Der Großteil davon liegt in Ländern des globalen Südens.  Diese Betriebe bewirtschaften zusammen rund 60 Prozent der weltweiten Anbauflächen und sichern so die lokale und regionale Lebensmittelversorgung.

 

Fallbeispiel Kaffee: Kaffee ist das wichtigste Agrargut im globalen Nord-Süd-Handel und nach Erdöl weltweit der zweitwichtigste Exportrohstoff. Täglich werden mehr als 2 Milliarden Tassen Kaffee getrunken, was einem Umsatz von rund 200 Milliarden Dollar pro Jahr entspricht. Kaffee wird von ca. 25 Millionen Produzent*innen in mehr als 80 Ländern rund um den Äquator, im sogenannten Tropengürtel angebaut, mehrheitlich auf kleinen Kaffeefarmen. In zahlreichen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ist die Kaffeeproduktion Haupteinnahmequelle vieler Familien. Diese sog. Kleinbäuer*innen, die konventionellen Kaffee kultivieren, leben häufig von weniger als 2 Dollar pro Tag, oft in sehr abgelegenen Gegenden, leiden an Unterernährung und weisen eine hohe Analphabetenrate auf. Oft fehlt der Zugang zu Exportmärkten und schwankende Weltmarktpreise führen zu unregelmäßigen und unsicheren Einkommensverhältnissen. Die Verarmung der Kleinbäuer*innen fördert die Abwanderung aus ländlichen Regionen. In manchen Ländern (wie Kenia oder Honduras) ist auch ausbeuterische Kinderarbeit verbreitet.

 

Der Klimawandel stellt die Kaffeeproduzent*innen in den letzten Jahren zunehmend vor Herausforderungen. Denn die Kaffeepflanze benötigt ganz bestimmte klimatische Bedingungen. Veränderte Niederschlagsmuster und Temperaturschwankungen fördern Pflanzenkrankheiten und Schädlingsbefall und so kommt es im Kaffeeanbau bereits zu starken Ernteeinbußen. Schätzungen besagen, dass bis zum Jahr 2050 50% der Anbauflächen verloren gehen könnten.

 

Gemessen am Gesamtabsatz von Röstkaffee in Deutschland liegt der Marktanteil von fair gehandeltem Kaffee nur bei 4,8 %. Aber was kann der Fair-Handels-Ansatz hier anders machen? Um das zu verdeutlichen, möchte ich die Genossenschaft ISMAM aus Mexiko vorstellen.

Gegründet wurde ISMAM (Indígenas de la Sierra Madre de Motozintla) im Jahr 1986 mit 250 Mitgliedern und ist heute auf 627 Familien aus 20 Gemeinden gewachsen. Die indigene Kleinbäuer*innengenossenschaft hat sich zwei zentrale Ziele gesetzt: die Bewahrung der indigenen Identität und der Umwelt und die Verbesserung der wirtschaftlichen wie sozialen Situation ihrer Mitglieder durch den Kaffeeanbau sowie die eigenständige Vermarktung von organisch-biologisch produziertem Kaffee im In- und Ausland.

 

ISMAM besitzt eigene Transportmittel, Lager- und Verarbeitungshallen. Mithilfe der Fairhandels-Prämie wurde ein Gemeinschaftsfonds finanziert, aus dem Fortbildungen und Gesundheitsprojekte, aber auch Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität finanziert werden. Die Lebensweise der Produzent*innen wird von der Achtung vor der Natur und den traditionellen, indigenen Wertvorstellungen geprägt. Biolandbau ist somit keine „importierte Philosophie“, sondern entspringt der kulturellen Tradition der indigenen Bevölkerung. Der organisch-biologische Kaffeeanbau erfordert viel Mühe und Arbeit und genaue Kenntnisse der natürlichen Kreisläufe: So werden beispielsweise Schatten spendende und Stickstoff bindende Bäume zwischen die Arabica-Kaffeestauden gepflanzt. Die Bäume schützen den Kaffee somit vor zu viel Sonne, regulieren die Luftfeuchtigkeit, schützen vor Erosion, fördern die Bodenfruchtbarkeit und beugen dem Kaffeepilz, dem Kaffeerost, vor.

 

Die Aufnahme in ISMAM ist an soziale und landwirtschaftliche Bedingungen geknüpft: Ein Mitglied darf keine ZwischenhändlerIn sein, nicht mehr als 10 ha Land besitzen, muss aktiv in der Organisation mitarbeiten und sich an die strengen Auflagen des Biolandbaus halten. Neben Kaffee werden Produkte des Eigenbedarfs angebaut u.a. Bohnen, Mais, Früchte.

Die Produkte von ISMAM werden über Weltpartner in Deutschland vertrieben und in vielen Weltläden verkauft. So sind ihre Kaffees im Weltladen Mainz als lokaler Agenda Kaffee Café Mayence zu finden.

 

Für viele Menschen hat sich die Lebenssituation durch die Mitgliedschaft in der Kooperative ISMAM verbessert. Zentrales Element ist das faire und sichere Einkommen durch den Vertrieb ihrer Produkte. Der Gemeinschaftsfond verhalf der Genossenschaft außerdem zur Verarbeitung und Veredelung der Produkte, auch durch die Anschaffung von Maschinen und Fahrzeugen. Durch den lokalen und internationalen Verkauf sind sie vernetzt und können für ihr Anliegen Lobbyarbeit machen.

Weltweite Migrationsbewegungen und Klimawandel - Kann der Fairer Handel einen Handlungsansatz für den globalen Süden darstellen?

Der Klimawandel ist eine der, wenn nicht die größte Herausforderung des 21. Jahrhundert. Er lässt keine Region dieser Welt aus, doch betrifft besonders die Länder des globalen Südens. Menschen verlieren ihre Existenzgrundlage und häufig ihre Heimat. Veränderungen des Klimas machen sich schon jetzt in Ländern des globalen Südens bemerkbar und treffen dort insbesondere Kleinbauernfamilien, die Großteile der wachsenden Weltbevölkerung mit Lebensmitteln versorgen.

 

Der Faire Handel verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und bietet durch ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte den Produzent*innen, wie den Mitgliedern der Kooperative ISMAM aus Mexiko, Perspektiven vor Ort. Faire Preise, Vorfinanzierung und langfristige Partnerschaften ermöglichen ein menschenwürdiges Einkommen und Planungssicherheit. Darüber hinaus erfolgen Produktion und Verarbeitung meist nach nachhaltigen und biologischen Kriterien. Damit leisten sie einen zentralen Beitrag zu Klima- und Umweltschutz. So sind Kleinproduzent*innen, wie dargestellt, nicht nur mit am stärksten vom Klimawandel betroffen, sondern verfügen auch über traditionelles Wissen und Erfahrungen in der Landwirtschaft, die für zielführende Lösungen genutzt werden können. Deshalb sollten Kleinbäuer*innen zum zentralen Bestandteil der Lösung für die Anpassung an den Klimawandel werden. 

 

Folglich zeigt nachhaltiges Wirtschaften und damit der Fair-Handels-Ansatz praktisch, wenn auch im Kleinen, wie Kleinproduzent*innen eine Perspektive in ihrer Heimat geschaffen und Migrationsbestrebungen entgegengewirkt werden kann.